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Viele Landschaften geben Zeugnis von früheren, schlechten Zeiten. Das moderne, vereinte Europa wird von vielen als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen, dabei waren auf diesem Kontinent 2000 Jahre lang Kriege und Konflikte die Normalität. Schlachtfelder erinnern daran und sie machen damit nachdrücklich deutlich, welchen Wert ein vereintes Europa darstellt. Diese Orte sollten somit nicht nur von Militärhistorikern wahrgenommen werden, sondern von einer viel breiteren Öffentlichkeit. Das Bewußtsein für eine gemeinsame Geschichte ist Voraussetzung für eine Europäische Identität. In diesem Kontext plante ich mein Fotoprojekt: Schlachtfelder als Landschaften zu fotografieren.
Als Fotograf hatte ich mit einem Thema zu tun, das normalerweise von Historikern und Militärexperten besetzt ist. Hinzu kommt, daß ich mit Ereignissen zu tun hatte, die nicht mehr sichtbar sind. Im Gegensatz zu anderen Publikationen gleichen Themas beruht der Wert meiner Arbeit nicht auf Dokumenten, Diskussionen über Truppenstärken und Taktik, oder den Gebrauch alter Fotos und Schlachtengemälde. Ich versuchte es anders. Mit Landschaftsfotos und den nötigsten historischen Informationen fordere ich die Vorstellungskraft des Betrachters heraus. Sieht man das flache Donautal bei Höchstädt, fängt man an sich vorzustellen, wie das wohl am 13. August 1704 war, als rund 100.000 Soldaten gegeneinander zumarschierten, in der Entscheidungsschlacht des Spanischen Erbfolgekrieges. Sieht man den dichten Hürtgenwald versteht man, wieso im Herbst 1944 Amerikanische Soldaten nie wußten, was um sie geschah und ständig Angst hatten, aus nächster Nähe erschossen zu werden und heute schon mal von einem "Deutschen Vietnam" gesprochen wird. Was zusätzlich die Phantasie anregt, ist, das die Schönheit vieler Landschaften in einem völligen Kontrast zu dem steht, was sich am exakt selben Ort einmal ereignet hat. Mit diesem Projekt hatte ich in vielerlei Hinsicht Neuland betreten.
Mit der Idee, Schlachtfelder zu fotografieren, fangen die Probleme an noch bevor die Kameratasche gepackt ist. Was sind die Locations, welche Schlachtfelder sollen überhaupt fotografiert werden? Eine erste Recherche im Internet ergab mehr als 100 historisch bedeutsame Schlachtfelder, alleine für Deutschland. Eine thematische Michelinkarte zeigt rund 250 wichtige Schlachtfelder in Frankreich an. Meinem Konzept und meinem Budget folgend war ich davon ausgegangen, nicht mehr als 25 Orte in 10 Ländern zu fotografieren. Eine Auswahl zu treffen, die eine Zeitspanne von 2000 Jahren und einen ganzen Kontinent umfasst, erscheint aus dem Blick eines Historikers als nahezu unmöglich. Für meine Intention war es aber dennoch machbar. Mit einer Auswahl von 34 Schlachtfeldern in 12 Ländern glaube ich, eine Balance gefunden zu haben, die sowohl der historischen als auch der militärhistorischen Bedeutung Rechnung trägt. Von diesen 34 Schlachtfeldern befinden sich 25 in den Gründerstaaten der Europäischen Union, was wohl kein Zufall ist. Alle Schlachtfelder liegen in Mitteleuropa, von Süddänemark bis Norditalien, und von Südengland bis Westpolen. Die Schlachten fanden in völlig unterschiedlichen europäischen Landschaften statt, vom Meer bis zu den Alpen. Manche Landschaften sind mehr bekannt als Urlaubsgebiete und nicht wegen ihrer historischen Bedeutung. Viele Ortsnamen hat fast jeder schon mal gehört. Während der Recherche wurde mir klar, wie sehr Namen von Schlachten auch heute noch in unserer Kultur präsent sind. Viele Kinder begegnen den Namen von Alesia und Vercingetorix in den Heften der Asterix-Comics. In der Schule liest man Shakespeare`s "Heinrich V.", dessen Handlung auch auf dem Schlachtfeld von Agincourt stattfindet. Waterloo kennen viele nur durch Abba, den "Choral von Leuthen" kennen Freunde der klassischen Musik. Die Kämpfe in der Normandie, in den Ardennen und um die Brücke von Arnheim waren der Stoff für unzählige Hollywood-Filme. Und wer in Paris die Metro nutzt kennt den Bahnhof Solferino oder den Gare d`Austerlitz.
Vor Ort überraschte, daß es immer noch viele, oftmals versteckte Hinweise auf die historischen Ereignisse gibt und zwar in einer Anzahl, die weit höher ist als ich erwartet hatte. Ob Ruinen oder Denkmäler: sie alle konfrontieren den Besucher mit interessanten Geschichten und Fakten. Das war der Grund, warum ich für eine Buchausgabe neben den Landschaftspanoramen zusätzliche Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten oder die Topographie beschreibende Fotos gemacht habe. Viele der Denkmäler geben nicht nur Informationen über die Schlacht, sondern auch wie im Laufe der Zeit eine Schlacht gewertet wurde. In vielen Fällen erzählen diese Denkmäler sogar mehr über diejenigen, die sie errichtet haben als über die eigentlichen militärischen Ereignisse selbst. Schlachtfelder wurden sehr oft zu Orte von Nationalismus, Nationalmythen oder nationaler Identität. Der Sieg über Vercingetorix durch Caesar geriet in Frankreich jahrhunderte lang in Vergessenheit, bis der Gallier schließlich vor 150 Jahren im Zeitalter des Nationalismus "wiederentdeckt" wurde. Das Vercingetorix-Denkmal ist somit auch eine Zeugnis für die Zeit des Napoleon III. Die riesige Steintreppe in Redipuglia erzählt mehr über den italienischen Faschismus als den Schlachten am Isonzo während des Ersten Weltkrieges. Und auch der Löwe in Waterloo, der mahnend nach Frankreich blickt, ist heute von der Geschichte überholt. Spätestens hier wird deutlich, daß Schlachtfelder mit allgemeiner Geschichte zu tun haben und nicht nur mit Militärgeschichte. Das wird noch unterstrichen durch eine weitere Beobachtung, die ich vor Ort machen konnte. An fast allen Orten, die ich besuchte, waren vielfältige Aktivitäten im Gange, die historischen Orte zu erhalten. Auch wurden Schlachtfelder der Öffentlichkeit durch neue Rad- und Wanderwege zugänglich gemacht und wurden zahlreiche neue Museen gebaut. Alle diese Maßnahmen werden angetrieben und präsentiert in einem größeren Kontext: den Wert des vereinten Europas.
Fotografierte Schlachtfelder:
Alesia 52 vCh, Frankreich
Poitiers 732, Frankreich
Hastings 1066, England
Marchfeld 1278, Österreich
Azincourt 1415, Frankreich
Murten 1476, Schweiz
Nieuwpoort 1600, Belgien
Lützen 1632, Deutschland
Fehrbellin 1675, Deutschland
Wien 1683, Österreich
Höchstädt 1704, Deutschland
Gadebusch 1712, Deutschland
Leuthen 1753, Polen
Valmy 1792, Frankreich
Austerlitz 1805, Tschechien
Jena 1806, Deutschland
Leipzig 1813, Deutschland
Waterloo 1815. Belgien
Solferino 1859, Italien
Dybbol 1865, Dänemark
Königgrätz 1866, Tschechien
Metz 1870, Frankreich
Sedan 1870, Frankreich
Ypern 1914/1918, Belgien
Dolomiten 1915/18, Italien
Isonzo 1915/17, Slowenien
Verdun 1916, Frankreich
Somme 1916, Frankreich
Vimy 1917, Frankreich
Normandie 1944, Frankreich
Nijmegen/Arnhem 1944, Niederlande
Hürtgenwald 1944, Deutschland
Ardennen 1944/45, Belgien
Seelow 1945, Deutschland
www.landschaften.com
©Alfred Buellesbach
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